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Was Masken nicht mögen

(Klicke auf die Fotos, um sie zu vergrößern)

Die Maske, das unbekannte Wesen

Sie stehen scheinbar in Gedanken versunken an Säulen, Laternen, in Arkaden oder auf Brücken und posieren in oft unglaublich aufwändigen Kostümen. Nein, sie sind nicht von der Stadt Venedig engagiert! Sie kassieren keine Gage und haben auch keine fixen Arbeitszeiten. In Eigenregie haben sie sponsorenfrei ihr Kostüm kreiert, sie finanzieren sich Reise und Aufenthalt selbst.

Sie sind ganz normale Menschen, kommen aus fast allen Altersstufen und Berufsgruppen. Legen sie ihr Kostüm an, ist gleichzeitig der Alltag abgestreift. Die Lehrerin wird zur "Grande Dame", der Pensionist zum schillernden Paradiesvogel und die Hausmeisterin zum Wesen aus einer anderen Welt.

Die im täglichen Leben unbeachteten Staubkörner unserer Gesellschaft verwandeln sich auf geheimnisvolle Weise zu Phantasiegestalten, die würdevoll und anmutig im historischen Ambiente Venedigs ihre Kreise ziehen.

Die Touristen sind begeistert! Aus aller Herren Länder strömen sie in die Stadt und verstopfen ihre engen Gassen, um die Masken zu bewundern und in Pixel zu bannen. Sie umringen die einem Märchen entsprungenen Gestalten, stellen sich über das ganze Gesicht strahlend wie selbstverständlich neben sie und lassen sich fotografieren. Einer nach dem anderen und ungeduldig, wenn sie warten müssen.

Dann das Unglaubliche: Die Maske bricht ihre Pose ab, macht eine wegwischende Handbewegung, dreht sich um und will nun gar nicht mehr anmutig, sondern sehr schnellen Schrittes in der Menge verschwinden. Das Publikum ist entrüstet. Man versucht, sie aufzuhalten: mit Worten, manchmal auch handgreiflich oder indem man ihr im Kollektiv den Weg versperrt.

Doch die Maske lässt sich nicht umstimmen. Sie winkt ab und geht. Die Menge raunt und ist böse. Man wollte doch noch Fotos mit ihr!

Eine Maske ist kein lebloser Android, sondern ein Mensch mit Bedürfnissen. Manchmal ist es Hunger oder der Wunsch, sich etwas aufzuwärmen. Es ist auch möglich, dass das Aug mittlerweile wie Feuer brennt, weil schon seit geraumer Zeit etwas Schminke den Augapfel reizt und ihr inzwischen unter dem starren, bunt bemalten Pappmaché-Gesicht die Tränen über die Haut laufen. Oder sie flüchtet, weil die Blase deutliche Anzeichen gibt, dass sie entleert werden will - ein Klo-Gang ist für eine Venezianische Maske aufgrund der meist großen und kompliziert anzulegenden Kostüme sowie dem durch die Gesichtsmaske eingeschränkten Gesichtsfeld nicht so einfach zu bewältigen.

Also, liebes Volk, sei gnädig, wenn eine Maske nicht mehr posieren will. Ihr ehrwürdigen Maskenjäger, macht ihr den Weg frei und lasst sie in Ruhe ziehen, denn auch unter einer Venezianischen Maske steckt - wenn man es auch nur schwer glauben kann - ein ganz normaler Mensch.



Ist die Venezianische Maske im Aussterben?

Faszinierend "nur" auf Fotos - umwerfend in Realität. Suchend lässt man den Blick über die Menschenmassen am Markusplatz schweifen, um irgendwo etwas Buntes über den Köpfen zu sichten. Da! Eine Feder, ein Schleier, ein Segelschiff - in der Sonne glitzert es! Man bahnt sich mühsam seinen Weg, kommt näher. An eine Säule geschmiegt steht die Maske da, in stummer Schönheit. Sie rührt sich nicht, blickt gedankenverloren ins Licht, den Rummel um sie herum scheinbar ignorierend. Dann bewegt sie sich. Langsam und würdevoll hebt sie ihr Requisit, spielt damit, wechselt die Pose, um dann wieder regungslos zu verharren.

Im Betrachter baut sich ungewollt eine Ilusion auf. Auch vom Menschen, der hinter der Maske steckt. Die Überraschung ist meist groß, wenn man die Maske "in Zivil" kennenlernt. Sie tragen Jeans und Sweater und von eleganten Bewegungen ist nichts mehr zu merken.

Venezianische Masken sind sehr geduldige Wesen, die gerne posieren - immerhin haben sie meist ein ganzes Jahr an ihrem Kostüm getüftelt und gearbeitet, um es dann ein paar Tage lang zu präsentieren. Sie haben nichts dagegen, wenn man ihnen für ein besseres Foto deutet, das Requisit etwas höher zu halten oder den Kopf etwas zu neigen oder zu wenden, sofern das vom Kostüm her möglich ist. Sie mögen es jedoch absolut nicht, angegriffen zu werden oder wenn sich Touristen für ein Foto an sie pressen oder sie gar in den Arm nehmen. Zu oft haben sie böse Erfahrungen mit abgerissenen oder zerstörten Kostümteilen, Brandlöchern oder Schmutzflecken gemacht. Der Tourist sollte ihr "don't tou
ch" respektieren, andernfalls kann auch die gutmütigste Venezianische Maske böse werden und das Touri-mit-Maske-Foto verweigern.

Das Gesichtsfeld der Venezianischen Maske ist durch die kleinen Augenausschnitte der Gesichtsmaske sehr eingeschränkt. Sie erkennt oft nicht genau, was um sie herum passiert und sie mag es deshalb nicht, wenn ihr jemand zu nahe kommt. Idioten machen sich einen Spaß daraus, Kostümteile abzuscheiden oder sie mit Spray-Luftschlangen zu "verzieren" - Unarten, die dazu beitragen, dass die Masken nur noch dann posieren, wenn es ruhiger ist.

Wollt ihr also auch in den kommenden Jahren noch viele Masken im Venezianischen Karneval sehen, unterlasst solche Aktionen und respektiert die Masken! Anderfalls könnt ihr künftig nur noch Touris in Verkleidung sehen und die originalen Venezianischen Masken werden sich an Insider-Lokalitäten zusammenfinden, wo sie der Massentourismus nicht findet - oder dem Karneval fern bleiben.



Der Samstag vor dem Faschingsdienstag

An diesem Tag treffen ca. 800 Busse und unzählige Sonderzüge in Venedig ein. Sie bringen die Tagestouristen, die Masken schauen wollen. Die große Stadt, die während ihrer langen Existenz wohl weit Schlimmeres erlebt hat, nimmt sie gelassen auf. Die ca. 400 Masken, die in der Stadt weilen, sehen die Situation anders.

"Früher war es einfach", erzählt eine von ihnen. "Da ging man im Kostüm durch die Straßen, rief 'permesso' oder 'attentione', die Leute drängten sich noch mehr zusammen und machten den Weg für die Maske frei. Jetzt bleiben sie stur stehen und motzen die Maske vielleicht auch noch an oder beschädigen das Kostüm."

Also flüchten die Venezianischen Masken schon am Morgen auf eine der Inseln Murano oder Burano. Oder sie schlüpfen gar nicht ins Kostüm und bleiben im Hotel, um einen Tag auszuruhen.

Schlecht für die Tages-Touris, die das, weswegen sie gekommen sind, nicht sehen. Doch Masken sind Menschen, die sich und ihre Kreationen freiwillig präsentieren, nicht dafür bezahlt werden und keine vorgegebenen Arbeitszeiten haben. Wenn die Disziplin des immer stärker vom Ostblock durchzogenen Massentourismus nachlässt, darf man sich nicht wundern, wenn die Venezianischen Masken darauf - auf ihre Art - reagieren.


© Tatjana Suchovsky.
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