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Der Tag einer Maske - oder das große Spiel
Wenn
in Venedig die Touristen noch schlafen und gerade die Straßenkehrer das
Pflaster säubern, beginnt für die Venezianischen Masken der Tag. Sie
stehen gegen 5 Uhr auf, um gegen 6 Uhr auf dem Markusplatz zu sein, wo sie die
Profi- und Starfotografen (und solche, die es noch werden wollen) treffen. Es
ist saukalt. Der Wind bläst von der aufgehenden Sonne herüber. Er pfeift
durch die Kostüme. Die Kamera fühlt sich bald an wie ein großer
Eiswürfel. Die Anwesenden versuchen, diese unangenehmen Nebensächlichkeiten
zu ignorieren. Nur den Tauben, die gurrend den neuen Tag begrüßen,
scheint die Kälte nichts auszumachen.
Die
Masken posieren bei 2 °C an den Säulen - nicht wegen der vermeintlichen
Wärme der morgendlichen Sonnenstrahlen, sondern wegen dem Licht. Bald klicken
die Auslöser der Kameras. Die Fotografen wechseln die Position, die Masken
die Pose. Diskret werden zwischen Masken und Fotografen Visitenkarten und ein
paar Worte getauscht. Ein korrekter Fotograf bedankt sich für das Posieren
der Maske später mit einigen Fotos per Mail, per Post oder in einem Kuvert
im nächsten Jahr beim Karneval.
Die Szenerie dauert an, bis die Sonne etwas über dem Horizont steht, die
Mägen knurren, die Masken endgültig durchgefroren sind und die Fotografen
mit ihrer digitalen oder analogen Beute zufrieden sind.
Endlich
ins Warme, frühstücken und aufwärmen! Lange bleibt nicht Zeit zur
Erholung, denn es steht tagsüber immer an irgendeiner historischen Location
ein Fototermin an, den man sich persönlich oder per Handy mit anderen Masken
oder mit den Bilderjägern ausgemacht hat. Unter Tags ist das Fotografieren
schwieriger, denn kaum stellt sich die Maske an einer Brücke oder einem Gebäude
in Pose, schwärmen die Touristen an, zücken Flachmann-Digis oder Linsenhandy
und kämpfen mit um die besten Plätze in der ersten Reihe. Da sind Standfestigkeit
und gute Nerven gefragt, sowohl bei den Profis als auch bei den Masken.

Auch
der Sonnenuntergang darf nicht verpasst werden. Orts- und Lichtwechsel, eventuell
eine kleine Bootsfahrt, um zu bevorzugten Kulissen zu gelangen. Der Wind frischt
auf. Die zarten Phantasiegeschöpfe werden brutal durchgeblasen. Kostümteile
entwickeln ein ungewolltes und manchmal, wenn zum ersten Mal im Einsatz, auch
unerwartetes Eigenleben. Die gerade mühevoll vom Fotografen eingerichtete
Pose wird abrupt zerstört, wenn der Kopfschmuck Anstalten macht, sich ins
Meer abzusetzen.
Aufwärmen ist nicht drinnen. The show must go on, bis die Sonne ihr Tagwerk
getan hat und hinter dem Horizont verschwindet.
Nun
geht es in der nächtlichen Kälte zurück zum Markusplatz, dessen
Boden durch die Anwesenheit unzähliger Touristen aus Taubenflugperspektive
kaum mehr zu sehen ist. In den Arkaden und um St. Markus posieren die Masken weiter,
bis von ihnen irgendwann der psychische Schlusstrich durch Abwinken und der physische
durch die Flucht aus dem Getümmel gezogen wird.
Weshalb - fragt man sich - tun sich die Masken das an? Der Applaus der Masken
ist nicht nur das Klicken der Kameras, sondern auch, in einem der Venedig- oder
Karnevalsbücher oder -kalender der Profi-Fotografen zu erscheinen. Und dazu
müssen einige Faktoren zusammenspielen. Nicht nur das Kostüm der Maske
muss bestechen, sie muss auch zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein, um
ihr Bild im Print wiederzufinden. Das schafft sie nur durch großes persönliches
Engagement. Ihr Kostüm in einem Kalender, einem Buch oder in der Zeitung
zu entdecken, ist eine der wenigen für eine Maske möglichen Anerkennungen
für ihre Mühe, ein Kostüm zu kreieren, es zu fertigen, am Karneval
zu posieren und das alles ohne Gage.
©
Tatjana Suchovsky.
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